Den Gartenstadt-Gedanken formulierte 1898 zuerst der englische Sozialreformer Ebenezer Howard: „Gartenstadt“ als eine planmäßig und gezielt entwickelte Stadt, um auf die beklagenswerte Wohn- und Lebensqualität und die wuchernden Grundstückspreise der Großstädte zu reagieren – denn sie waren die Folge von Industrialisierung und Städtewachstum zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Gartenstädte sollten auf Agrarflächen im Umland der Großstädte entstehen. Selbstständige urbane Siedlungen, voneinander getrennt durch großzügige Agrarflächen, verbunden durch entsprechende Infrastruktur. Mit ihnen wollte man den Nachteilen der Metropolen entgegenwirken und gleichzeitig Stadt und Land miteinander verknüpfen. Aber auch die Vorteile der Großstadt – Infrastruktur, Kultureinrichtungen etwa – sollten erhalten bleiben.

Die Gartenstadtbewegung in Deutschland initiierten die Brüder Kampffmeyer. Zudem wurden die Deutsche Gartenstadt Gesellschaft (DGG) in Berlin-Friedrichshagen (1902) und die Gartenstadtgenossenschaft Karlsruhe (1906) zu Propagandazwecken gegründet.

Deutschlands erste Gartenstadt existiert seit 1908 – gegründet vom Tischler Karl Schmidt als „Gartenstadtgesellschaft GmbH“ auf 140 Hektar Agrarfläche.

 Hier wurde von Anfang an spekulativer Grundstücksverkauf ausgeschlossen und eine Nutzung von 4 % der Gesamtfläche zum Allgemeinwohl festgelegt. Die Gesellschaft verwaltete den Grundbesitz für rund 15.000 Gartenstadtbewohner und errichtete Immobilien, wie die Mietvillen im Hellerauer Landhausviertel und Häuser mit kleineren Wohnungen. Zu den bekanntesten Architekten der Siedlungshäuser zählen Richard Riemerschmid, Hermann Muthesius, Heinrich Tessenow, Bruno Paul und Theodor Fischer.

 

 

Auch eine der ersten Fertigungsstätten der industriellen Möbelfertigung – die Ende des 19. Jahrhunderts von Karl Schmidt gegründeten Deutschen Werkstätten – wurden 1910 in die Gartenstadt Hellerau verlegt. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Gartenstadt zu einer Kunst- und Kulturstätte: Sie zog Künstler, Musiker und Intellektuelle aus ganz Europa an. Der Schriftsteller Paul Adler, der Verleger Jakob Hegner und andere Intellektuelle waren Gartenstadt-Bewohner. Und schon 1911 wurde das „Hellerauer Festspielhaus“ erbaut, in dem Intellektuelle wie Emil Nolde, Sergei Djagilew, George Bernard Shaw, Franz Kafka, Stefan Zweig oder Upton Sinclair verkehrten.

Im Festspielhaus wurde 1911/1912 die „Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze“ untergebracht, die spätere Keimzelle der rhythmischen Gymnastik. Die ökonomisch schwierigen 1920er Jahre und der Zweite Weltkrieg bremsten auch die weitere Entwicklung der Gartenstadt: Zwar wurde nach 1945 die Bausubstanz in Hellerau unter Denkmalschutz gestellt, doch die knappen finanziellen Mittel führten zum Verfall der Gebäude. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung gelangte ein neuer Aufschwung nach Hellerau. Die 1946 in Volkseigentum überführten Deutschen Werkstätten wurden 1992 reprivatisiert.

Mit neuem Konzept gelang ihnen als Hersteller von hochwertigem Interieur der erfolgreiche Neustart, 2006 bezog das Unternehmen neue Gebäude. Das in Teilschritten sanierte Festspielhaus beherbergt heute das Europäische Zentrum der Künste. In die ebenfalls wieder hergestellten früheren Pensionshäuser zogen unter anderem die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Deutsche Werkbund Sachsen ein. Die überwiegend sanierten und modernisierten Wohnhäuser von Hellerau zählen heute zu den begehrtesten Wohnanlagen der wieder aufgeblühten Elbmetropole und Landeshauptstadt Dresden.

www.ggh-ag.de Karl Tauchnitz-Straße 2, 04107 Leipzig